Aktuelles


Do 12.10.2006 13:28 - Rückkehr zur Tradition: Gesellen auf Wanderschaft
Im Bauhandwerk haben sich im Laufe der Jahrhunderte viele Traditionen gebildet, welche heutzutage, nachdem sie schon als abgeschrieben galten, wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Für Tischler, Zimmerleute, Dachdecker, Maurer und Klempner ist es zunehmend attraktiv, statt einer ungewissen Zukunft im Beruf zunächst Freiheit und Abenteuer zu wählen und sich zugleich handwerklich zu vervollkommnen.

Seit Anfang Oktober gehört zu den etwa 600 bis 650 deutschen Gesellen, die durch die Welt reisen, auch der Unterbreizbacher Etienne Krug. Der 25-jährige Etienne hat den Beruf des Tischlers erlernt. Vor der eigentlichen Zeit der Wanderschaft absolvierte Etienne eine Art "Probezeit" in der er für sich herausfand, ob er wirklich auf die Walz gehen möchte.
Am Montag, den 2.Oktober, wurde Etienne Krug in die Gesellschaft der Wandergesellen aufgenommen, der so genannten Erwanderung. Hierzu waren aus verschiedenen Teilen Deutschlands 4 Wandergesellen extra nach Unterbreizbach gereist. Bevor es auf die große Reise ging, machten die 5 Gesellen in der Gemeindeverwaltung Halt. Neben dem Abholen der Stempeleinträge in die Wanderbücher, trugen die Gesellen Bürgermeister Ernst in gereimten Versen auf eindrucksvoller Art und Weise ihren Wunsch nach finanzieller Unterstützung seitens der Gemeinde vor…
Die wandernden Gesellen sind auf der mindestens drei Jahre und einen Tag dauernden Walz vor allem auf sich allein gestellt. Den Heimatort müssen sie weiträumig umgehen - die "Bannmeile" beträgt 50 Kilometer - und Handys sind selbstverständlich tabu. Diese Bedingungen legen die "Schächte" genannten Gesellenvereinigungen fest.
Grundsätzlich dürfen nur Handwerksgesellen mit abgeschlossener Lehre im Bauhandwerk auf Wanderschaft gehen. Sie müssen unter 30 Jahre, unverheiratet, kinderlos und schuldenfrei sein. Auf jede Art von Luxus müssen sie dabei verzichten: Ein "Tippelbruder" hat nur ein geschnürtes Bündel, den "Charlottenburger", dabei, und der enthält nicht viel mehr als Kleidung zum Wechseln, Werkzeug, Schlafsack, Zahnbürste und Proviant.
Die Schuhe müssen strapazierfähig sein, denn die meiste Zeit ist der Geselle zu Fuß unterwegs. Trampen ist erlaubt, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel dagegen nicht gern gesehen, und ein eigenes Auto geht natürlich gar nicht. Trotz der spartanischen Bedingungen muss das Aussehen immer gepflegt sein: In der Öffentlichkeit ist die Kluft - schwarze Jacke, Schlaghose und Hut - zu tragen, und das kragenlose Hemd hat stets blütenweiß zu sein.
Arbeitslosigkeit, bessere Berufschancen, offene Grenzen und nicht zuletzt Abenteuerlüste geben der traditionellen Wanderschaft neuen Auftrieb. Sinn der Wanderschaft ist, Land, Leute und andere Arbeitsmethoden kennen zu lernen. Kommen die reisenden "fremden" Gesellen zurück und werden damit zu "einheimischen" Gesellen, stehen ihnen in der Regel viele Türen offen. Ihre Erfahrungen bei vielen Arbeitgebern im In- und Ausland und der intensive Austausch mit anderen Gesellen, Meistern, Technikern, Ingenieuren und Architekten machen sie zu begehrten Arbeitskräften. Im Mittelalter war die Wanderschaft Voraussetzung, um Meister zu werden.
Die Sprache der ‚Tippelbrüder’ ist rotwelsch. Eine Mischung aus jiddisch, Deutsch und Romani, die vom fahrenden Volk gesprochen wird, um sich anderen Mitgliedern kenntlich zu machen. Neben der schwarzen Kluft mit Hut und geschwungenem Wanderstab ist auch der Ohrring ein typisches Symbol des wandernden Gesellen. Bevor es auf Reisen geht, wird das Ohrloch mit Hammer und Nagel gestochen. Wer stiehlt, verliert seine Ehrbarkeit und den Ohrring. Früher wurde er dem Gesellen ausgerissen, der dann auf ewig als "Schlitzohr" gekennzeichnet war.

Zurück...